Lesen in der Schule

Immer mal wieder denke ich an die Bücher zurück, die ich in der Schule lesen musste.
Gerade jetzt, wo ich Christiane F. wieder ausgegraben habe, denke ich noch etwas mehr als sonst darüber nach.
Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass die Hälfte antiquiertes Klassikerzeug war, das wohl jedem Schüler den Spaß am Lesen nehmen könnte, wenn es so gehandhabt wird, wie das bei mir der Fall war. Ich habe nichts gegen Klassiker – ich finde schon, dass es sich gehört, mal etwas von Goethe gelesen zu haben. Zumal auf dem Gymnasium. Das zugrunde liegende Thema ist ja jeweils auch oft noch halbwegs aktuell.
Mit Gedichten war es noch schlimmer. Die wurden alle zu Tode analysiert. Warum weiß dabei keiner so genau. Stand halt so im Lehrplan.
Ob die Schüler tatsächlich verstanden hatten, worum es ging, war erstmal egal. Hauptsache, es kam am Ende eine Analyse heraus, die umfangreich genug war, um sie nicht mit einer Fünf bewerten zu müssen und Hauptsache, die Schüler hatten irgendwie eingeflochten, was sie als Hintergrundinformation gelernt hatten. So hangelte man sich dann von Alliteration zu Alliteration und von Metapher zu Metapher und betete daher, was man an Theoriewissen dazu hervorkramen konnte. Lief bei so ziemlich allen Stilfiguren darauf hinaus, dass man sagte: Der Autor macht das, um seine Aussage zu verstärken. Ganz selten hatte man vielleicht auch mal einen kreativen Moment und ging etwas über den reinen Text hinaus, zeigte tatsächlich Interpretationsansätze. Und wenn man Heine nicht ironisch fand, bekam man eine Vier (ja, das wurmt mich immer noch – kann ich doch nix, dafür, dass ich eine andere Auffassung hatte). Sinnlos ist es insofern, als dass nur die Autoren selber uns sagen könnten, was genau sie mit ihren Zeilen meinten. In neun von zehn Fällen sind die Dichter tot und Humus. Wir können sie also nicht mehr fragen und müssen uns bei unserer Interpretation der allgemeinen Meinung beugen.
Aber genug dazu, denn eigentlich ging es mir mehr um die Bücher, die wir lesen mussten.
Ich weiß nicht, ob sich das mittlerweile geändert hat, aber nach der Grundschule war es irgendwie nur noch deprimierendes Zeug.
In der Grundschule haben wir Robinson Crusoe und Ede und Unku gelesen. An zweiteres kann ich mich nur noch dunkel erinnern, aber ich glaube es war eine recht niedliche Geschichte. Robinson mag vielleicht schiffbrüchig gewesen sein, aber er führte doch dann ein sehr schönes Leben auf seiner Insel. Es war spannend und eigentlich nicht deprimierend.
Auf dem Gymnasium änderte sich das dann.
Los ging es – wenn ich mich recht entsinne – mit Die Wolke. Super-GAU in deutschem Atomkraftwerk, Chaos überall. Eltern der Hauptperson tot, der kleine Bruder stirbt vor ihren Augen und sie muss ihn begraben (oder zumindest in ein Rapsfeld tragen), sie selbst überlebt zwar, ist allerdings verstrahlt und auf sich gestellt. Genau, dass was man mit 12, 13 Jahren lesen will.
Die richtige Diskussion über die Inhalte blieb natürlich bei dem eng gestrickten Lehrplan irgendwo auf der Strecke.
Das nächste Buch, an das ich mich erinnern kann, war Christian F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Was dahinter stand, war natürlich klar. Wir lasen es in dem Alter, in dem Christiane bereits heroinsüchtig war und auf den Strich ging. Abschreckung und Aufklärung war wohl das Gebot der Stunde. Aber auch hier letztlich nur oberflächliches Gefasel. Dass ich das Buch regelmäßig wieder gelesen habe, zeugt jedoch davon, dass ich es gut fand und finde.
Die Reihenfolge der Bücher, die dann kamen, weiß ich nicht mehr. Nur noch so ungefähr, was in der Sekundarstufe I und was in der Sekundarstufe II dran war.
Höhepunkt in Sekundarstufe I war wohl Im Westen nichts Neues. Das Buch habe ich weitestgehend verdrängt. Ich finde wahrlich nicht, dass es Not tut, Kindern sowas aufzuzwingen. Krieg ist furchtbar, aber mit 14 hat es mir gereicht, im Geschichtsunterricht über die Erfindung der humanen Tötung durch die Guillotine zu erfahren. Ich brauchte nicht noch Paul Bäumer. Am wenigsten brauchte ich die Verfilmung dazu.
Der Schimmelreiter war auch wenig besser.
Nathan der Weise war vielleicht nicht deprimierend, aber ich fand ihn mit seiner Ringparabel nervtötend. Zumal ich kaum glaube, dass man ohne in anderen Fächern etwas über Religionskonflikte gehört zu haben, den Sinn verstanden hat (und ja, ich musste das jetzt googlen).
Schiller mochte ich eh noch nie so wirklich, es wird also niemanden überraschen, dass mir Die Räuber und Kabale und Liebe nicht mal gefallen haben. Mal abgesehen davon, waren am Ende alle tot. Was soll das denn? Blöde Dramen.
Wahrscheinlich habe ich jetzt irgendwas dazwischen vergessen. Vielleicht verdrängt, dass ich doch Romeo und Julia lesen musste. Ich weiß es nicht.
Ach ja. Genau. Es gab da noch Unterm Birnbaum, ein kruder Kriminalroman. Ja, Mord und Totschlag ziehen sich durch die Schulliteratur wie nichts anderes. Und Die Welle war da natürlich auch noch. Das war toll, hatte ich es doch gerade freiwillig ein knappes Jahr vorher schon gelesen. War jetzt auch nicht wirklich erbauliche Literatur.
In der Sekundarstufe II wurde es nicht besser. Wenisgtens hatte Das Käthchen von Heilbronn ein positives Ende. Dazwischen war es gewöhnungsbedürftig.
Faust lass ich jetzt mal aus meinen Betrachtungen raus. Bei Goethe bin ich nicht objektiv genug.
Ob Der Vorleser nun positiv oder negativ ist, sei jedem selbst überlassen. Ich finde Verführung Minderjähriger und dann noch eine Nazivergangenheit einfach zu viel. Und deprimierend.
Effi Briest habe ich dann zumindest recht inbrünstig gelesen und gehofft, es plätschere nicht einfach nur so vor sich hin und sie trete mit einem großen Knall ab. Nicht nur, dass ich dahingehend enttäuscht wurde, nein. Das Buch war auch noch von vorne bis hinten deprimierend. Erzwungene Heirat, blöder Ehemann tötet den Geliebten im Duell und verstößt seine Frau, die irgendwann einsam an einer Lungenentzündung stirbt.
Das schärfste war dann wohl aber der Zeitpunkt, an dem wir uns mit moderner Literatur beschäftigt haben und ich Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot lesen durfte. Das mussten sich nicht alle aus meinem Kurs antun, da wurde nämlich verteilt und man musste das Buch, das einem aufgehalst wurde, vorstellen. Ich sage jetzt bewusste aufgehalst, weil das Buch für mich eine Zumutung war. Ich hab nichts dagegen, wenn viele Leute in Büchern vorkommen. Ich hab nichts dagegen, wenn die alle irgendwie miteinander zu tun haben. Ich hab auch nichts dagegen, wenn am Ende alle tot sind – das bin aus meiner Schullaufbahn ja mittlerweile gewöhnt. Aber das war echt der Hammer. Moderne Literatur ist etwa so wie moderne Kunst. Für mich meist nicht fassbar.
Ich glaube, den Deutschunterricht habe ich damit so ziemlich abgedeckt.
Englisch war nicht viel besser. Ich kann mich an drei Bücher erinnern: Shirley Valentine, Brave New World und Of Mice and Men.
Das schlimmste davon war wohl letzteres. Ein so verdammt gutes Buch, aber wohl auch eines der deprimierendsten, das ich je in der Schule lesen musste. Und (zumindest in meiner Erinnerung) grandios mit Gary Sinise und John Malkovich in den Hauptrollen verfilmt.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass mir die Schule das Lesen nicht ausgetrieben hat. Viele Bücher, wenig Zeit und richtig verdauen konnte man die Geschichten auch nie, geschweige denn richtig nachbesprechen. Schließlich lauerte da schon die nächste tragische Story, die man den Schülern vorsetzen musste.

Ich möchte nochmal deutlich machen, dass ich trotz meiner jetzt vielleicht negativ wirkenden Meinung, die meisten Bücher gut fand und auch im Regal stehen habe. Ich finde es lediglich jetzt, mit genügend Abstand zur Schulzeit, so extrem auffällig, dass wir kaum schöne Bücher gelesen haben. Dass eben viele Bücher am Ende einen Leichenberg liegen hatten. Das ist mir in der Schulzeit selbst nie bewusst aufgefallen. Aber da hatte man auch keine Zeit, richtig über das nachzudenken, was einem da vorgesetzt wurde (Lust wahrscheinlich auch nicht). Ich persönlich finde im Nachhinein (und auch weil ich Lehrerin werde und mir Gedanken mache, wie Schule für Schüler schöner werden könnte), dass man sich von den strengen Vorgaben lösen sollte und es den Schülern freier stellen sollte, was sie lesen. Immerhin sollte es Ziel sein, dass die Schüler Spaß daran haben. Und es findet sich wohl zu jeder Thematik, die behandelt werden soll, auch etwas, das den Schülern gefällt. Dann liest eben nicht jeder dasselbe Buch, aber was macht das denn? Analysieren üben und Meinungsbildung fördern kann man an jedem Buch.

Yours, Aly <3

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Ein Gedanke zu “Lesen in der Schule

  1. Außer Faust und Schimmelreiter habe ich in meiner Schulzeit nicht ein einziges der von Dir genannten Bücher behandelt. Die meisten habe ich erst danach aus eigenem Antrieb gelesen. Vielleicht hat man als Lehrerin ja die Wahl, Werke nach dem eigenen Geschmack für die zu vermittelnden Perioden herauszusuchen: Ich erinnere mich nur noch an „Leonce und Lena“, „Nora“ und „Szenen einer Ehe“ – das muss die 13. Klasse gewesen sein. Statt „Natan“ haben wir „Minna von Barnhelm“ gemacht.

    Irgendwie hatte ich immer das Gefühle, wer in seiner Jugend ein „Stürmer und Dränger“ ist, der findet eher Schiller gut als Goethe. Man könnte auch mal Grabbe lesen statt Büchner, wenn es um modernes Drama geht.

    Generell fand ich an meiner Deutschlehrerin gut, dass sie uns viel selbst machen und uns die Wahl ließ.

    In diesem Sinne viel Erfolg!
    Corinna

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